Arztbericht

 

Verdachtsdiagnostik:

 

dissoziative Identitätsstörung

 

Aufnahmeanlass:

 

Jak wurde erstmalig am 26. November 2010  vorstellig.

Er bemerkte, dass er sich als Künstler in einem ständigem Zwiegespräch dreier unterschiedlicher Meinungen befindet und geleitet wird.

 

Behandlungsverlauf:

 

1. erstes Explorationsgespräch mit Jak:

 

Jak erscheint pünktlich zum Gesprächstermin. Er gibt an am 16. Oktober 1974 in Leonberg geboren zu sein, auch sei er in Leonberg aufgewachsen und dort zur Schule gegangen. Sein Vater sei Steinmetz gewesen. Vor 10 Jahre sei er gestorben. Seine Mutter sei Industriekauffrau. Er habe eine jüngere Schwester, zur Mutter und zur Schwester habe er einen sehr guten Kontakt. Seit der Vater gestorben sei, sei die Familie noch enger zusammengewachsen. Er sei sehr wohlbehütet aufgewachsen. Nach dem Besuch des Gymnasiums sei sein Traum gewesen, Kunst zu studieren. Er sei vor allem vom Vater beeinflusst gewesen.  Zunächst habe er eine Lehre in Pleidelsheim gemacht. Als er fertig war, sei sein Vater krank geworden und er habe die Firma übernommen. Ein stückweit musste er das wohl, wollte es aber auch. Die Meisterprüfung habe er im Jahr 2001 abgelegt. Seine Firma habe zum damaligen Zeitpunkt 4 Mitarbeiter gehabt. Von 2002 bis 2009 habe er ein Kunststudium absolviert. Er habe ein Diplom in freier Kunst gemacht. Vor allem mache er Installationen, Videos, skulpturale sowie konzeptuelle Arbeiten. Jak gibt an gerne zu reisen. Er interessiere sich für die lokalspezifischen Eigenschaften, überprüfe diese mit seinem Filter und halte Zwiegespräch mit sich selber. Er schätze den Perspektivenwechsel und die Verschiebung. Er bringe Dinge aus anderen Ländern mit hierher, vermische den kulturellen Hintergrund und generiere so seine arbeiten. Auch als Steinmetz arbeite er, es mache Spass. Es laufe jedoch eher nebenher in seinem Kopf, er verdiene damit sein Geld. Den Steinmetzbetrieb und die Kunst mache er beides zu 100 %, beim Arbeiten habe er zeit nachzudenken. Dieses Jahr habe er Ausstellungen gehabt, unter anderem in Korea und Litauen. Wenn er in andere Länder gehe sei er ein Fremder und nehme als Fremder im fremden Land Dinge wahr. Er arbeite mit den dortigen Eigenarten und Materialien.  Jak gibt an sich mittlerweile nicht mehr als Deutscher zu fühlen. Er bewege sich zwischen den Kulturen, er bewege sich im eigenen Kopf. Inzwischen entdecke er in Deutschland Dinge, die ihm eigentlich fremd sind, beispielsweise wie gut es ihm hier gehe und wie fremd ihm teilweise Alltagssituationen sind. Teilweise sei es, als ob er sich von außen beobachte, wie wenn er neben sich stehe. Auf die Frage was Fremdsein bedeute, antwortet Jak Fremdsein bedeute für ihn Freiheit, nicht gebunden sein an Vorgaben und an Situationen. In Deutschland sei dies anders. In einem anderen Land spreche er nicht die Sprache und müsse andere Dinge finden über die man sich austauschen kann. Dies sei interessant für seine künstlerische Arbeit.

 

 

Familienanamese:

Jak gibt an verheiratet zu sein und zwei Kinder zu haben. Er genieße die wenige zeit, die er zusammen mit seiner Familie habe. Er sei ein volle pulle Mensch, wenn er da sei dann sei er 100 % da, sauge die Dinge auf, auch mit seinen Kindern. Er gibt an, dass er immer etwas zu tun haben müsse. Er sei kein Sofasitzer, kein Fernsehglotzer und lese gelegentlich gerne ein buch, allerdings nicht drei. Jak betont, dass er Freiräume brauche in denen jeder für sich sein könne. Seine Frau habe er im Jahr 2000 auf der Meisterschule kennen gelernt, sie seien immer zusammen gewesen. Schnell sei klar gewesen, dass sie heiraten wollen. Dies sei auch heute noch so wie früher.

 

 

Über seine Arbeit:

Seit dem Tod des Vaters sei Jak verantwortlich für seine Mitarbeiter gewesen, für die Ausbildung seiner Schwester und auch für seine Mutter, die plötzlich ohne ihren Mann da stand. Jak gibt an dies gerne gemacht zu haben, es habe ihn jedoch nicht ausgelastet. Der Alltag habe ihn genervt. Er gibt an ein sehr verantwortlicher Mensch zu sein, auch sei er ein kleiner Freigeist. Er entscheide für sich alleine, und lebe dann mit den Konsequenzen. Er sei sich bewußt darüber, daß man in einer Gruppe nicht alles alleine machen müsse, wenn sich man sich beispielsweise zu zweit oder zu dritt zusammen tut. Er sei etwas von beidem, er sei Eigenbrödler, nehme aber auch gerne teil an einer Gruppendynamik. Er ziehe aus der Gruppe etwas von Anderen heraus was er brauchen kann, auch helfe er gerne wenn er kann, wenn er dies nicht kann, dann sage er dies direkt. Er sage was er denke, auch hoff er, dass er zurückbekomme was der andere denkt. Jak gibt an gelernt zu haben mit anderen Leuten zu spielen. Er bilde sich ein, daß man über Sätze und die Art und Weise wie man auf andere zugehe, beeinflussen könne, wie das weitere ablaufen der Situation stattfindet. Bzgl. Seiner Einstellung zur Kritik antwortet Jak, daß dies bei ihm schwierig sei. Er könne schlecht mit Konkurrenz umgehen. Ein Konkurrent sei einer der ihm Sachen weg nehme. auch könne er Konflikte schlecht aushalten. Auf weiteres Nachfragen verschränkt Jak die Arme und fragt nach: wie reagiert man da? Er suche positive Aspekte durch die er sich herausziehen könne. Er grübele eine Nacht über die Dinge nach, orientiere sich am Positiven. In ihm stecke die Sehnsucht, daß man sich durch ein inneres Zwiegespräch ganz sicher wird und ganz selbstsicher auftreten kann.

 

 

Kurze Auswertung des ersten Gesprächs mit Jak:

Jak erscheint pünktlich zum Termin. Sein äußeres Erscheinungsbild ist adäquat, seine Kontaktaufnahme und Interaktion der Situation angepasst. Stimmung und psychomotorischer Ausdruck sind Erlebnis adäquat. Ängste und Zwänge, sowie suizidale Absichten können nicht eroiert werden. Bzgl. des Gedächtnisses und der Orientierung des Bewustseins erscheint Jak zu allen Qualitäten orientiert. Drogen oder Alkohol missbrauch können nicht exploriert werden.

 

 

Verhaltensbeobachtung:

Jak antwortet auf fragen ruhig, bedacht und überlegt. Er hält häufig die Hände fest, wenn er redet, auffällig ist, dass er sehr häufig an den Kopf greift. Auch fallen häufig Aussagen die sich auf den Intellekt bzw. auf den Kopf beziehen: Aussage von Jak: in der Kunst ist es so: du hast nie Feierabend der Kopf geht immer. Ich denke für alles gibt es eine Lösung und gute Gedanken. Die Sehnsucht, dass man durch ein inneres Zwiegespräch ganz sicher wird und selbstbewusster auftreten kann. Dazu passend auch folgender Satz: ich bewege mich zwischen den Kulturen, im eigenen kopf. Es ist wie wenn ichs von Aussen beobachte, wie wenn ich neben mir stehe.

 

 

 

2. Zweites Explorationsgespräch mit Jak:

 

Jak gibt an 1973 in Südkorea Busan geboren zu sein. Er hat einen großen Bruder und eine kleine Schwester. Manchmal telefoniere er mit der Schwester. Sein Vater habe in einer Bank gearbeitet, 30 Jahre lang. Seine Mutter ist Hausfrau gewesen. Die Eltern seien sehr ordentlich, alles müsse ganz genau sein. Als Kind sei er ganz normal gewesen, er habe aber auch viel Stress mit seinem Vater gehabt. Seine Mutter sage er sei im Kindergarten gewesen. Er selbst hat daran keine Erinnerung. Mit 6 Jahren sei er wohl in die Grundschule gekommen, danach in die Middleschool und Highschool mit 19 Jahren sei er mit der Schule fertig gewesen das sei cirka 1992 gewesen. Seine erste große Erinnerung setze mit 17 Jahren ein. Damals sei er bei seiner Tante im Atelier gewesen, er habe lustige Sachen mit Papier gemacht und Zeichnen gelernt. Als er seinem Vater gesagt habe, dass er sich für Zeichnen interessiere, habe der Vater Nein gesagt, er solle zur Bank gehen. Kunst sei Scheiße. Daraufhin sei er einen Monat weg von zu Hause gegangen, habe keinen Kontakt gehabt.

Er habe sich an einer Privatakademie zur Kunst angemeldet, seine Mutter habe dies gesponsort. Der Konflikt sei sehr anstrengend für ihn gewesen. Er habe sein ganzes Zimmer mit Bleistift voll geschrieben. Alle Wände. Dies sei eine Demonstration gewesen. Seine Mutter habe Sorge gehabt, dass er verrückt sei. Wegen der Demonstration. Sein Vater sei echt sauer gewesen und habe ihn geschlagen. Seine Mutter sei eher auf seiner Seite gestanden, und habe die Gebühr für die Privatschule gezahlt. Materialien habe er klauen müssen. Aber er sei sehr gut gewesen, was auch seine Lehrer fanden. Nach einiger Zeit habe er jedoch die Lust verloren. Er habe sich gefragt warum er auf die Akademie gehen solle, er wolle zeichnen und malen. Er habe Stress mit der Prüfung gehabt, sie letztendlich jedoch gemacht und sei weiter zur staatlichen Akademie gegangen.

2 Jahre sei er immer in seinem Zimmer gewesen, habe Musik gemacht und Gitarre gespielt. Dann habe er zum Militärdienst müssen für 2 Jahre und 2 Monate. Das sei 1995 gewesen. Davor habe er reisen wollen und sei 50 Tage allein durch Indien gereist, er habe viel über sich nachgedacht über seine Zukunft und viele Zeichnungen gemacht. 1997 nachdem Militärdienst sei er wieder auf der Akademie gewesen, habe sich ganz auf die Kunst konzentriert was auch gut funktioniert habe. Er habe Preise bekommen und alles bestanden. Er habe vor allen Dingen in Richtung Skulptur Kunst gemacht, nach einem Jahr jedoch einen Unfall gehabt, bei dem ihm eine Bandscheibe herausgesprungen sei, was eine große OP erfordert habe. Danach habe er den Fachbereich wechseln müssen, da das Material zu schwer war. Mit seinem Vater habe es damals viel Stress gegeben. Er habe sich nach der OP lange überlegt, was er machen solle, es habe keine genaue Antwort gegeben. Er habe viele Bücher gelesen und die OP sei ein wichtiger und guter Punkt für seine Zukunft gewesen. Sein Leben sei schon in der Kunst. Er habe das Material geändert. Als er das Studium fertig gestellt habe, habe er sich 2 Jahre als selbständiger und freier Künstler probiert. Dies sei super gewesen, er habe andere Gedanken gehabt die Systeme seien anders als in Deutschland gewesen. Er habe eine Mappe gemacht und gute Kontakte aufgebaut. Irgendwann habe es dann eine Biennale gegeben und er habe Assistent sein wollen auf dem Formular habe er alles angegeben, dass er Deutsch und Englisch Kenntnisse habe. Aufgrund seiner Sprachprobleme habe er über Zeichnungen kommuniziert

Aufgrund eines Angebots habe er sich entschieden nach Deutschland zu fliegen.

Deutschland sei wie ein weißes Papier für ihn gewesen, er habe neue Sachen darauf zeichnen können. In Münster habe er sich an der Kunstakademie beworben, was auch geklappt habe. Er habe 2 Jahre einen Deutschkurs machen sollen, von denen er einen Monat da gewesen sei. Er habe 2 Jahre in Düsseldorf gelebt. Er habe kein Student mehr sein wollen, er habe neue Kontakte aufbauen wollen. Er habe sich keine Gedanken über sein Visum gemacht. Zur Verlängerung des Visums habe er jedoch Student sein müssen und sich neu bewerben müssen. 2004 sei er auf die Kunstakademie nach Stuttgart gekommen. Dort hat er 2 weitere Künstler kennen gelernt, mit denen er nun zusammenarbeitet .

 

 

Beziehungsanamese:

 

Seine Mutter habe gesagt, wenn er heirate könne er nach Deutschland fliegen. So habe er 2002 geheiratet. Seine Frau sei mit nach Deutschland gekommen. Sie würden jetzt in Stuttgart zusammenleben. Seine Frau mache auch ein Kunststudium. Gesehen habe er sie erstmalig beim Einschreiben für die Uni nach dem Militärdienst. Er habe im gleichen Semester eine Feier gemacht, sie sei nicht gekommen. Sie sei einen Abend später gekommen, 2 Monate später hätten sie eine Beziehung aufgenommen. Das erste Jahr in Deutschland hätten sie nur gestritten. Jeder habe sein eigenes System gehabt. Nach einem Jahr sei alles gut geworden. Nun verstünden sich sehr gut. In Bezug auf seine Eltern äußert Jak, dass diese immer noch viele Sorgen wegen ihm haben. Sie würden sich Sorgen machen wie er als Künstler Geld verdienen könnne. Zu dem verstünden sie nicht, dass er alt sei, aber keine Kinder habe. Auf solche Fragen antworte er mit den Dingen die seine Eltern hören wollen. Er wolle seinen Eltern gute Dinge sagen. Sein Vater sei 74 Jahre und er wolle die Antwort geben die sein Vater von ihm erwarte. Er sage zum Beispiel, dass er bald nach Korea komme und dort in der Nähe von seinen Eltern wohnen würde, damit sie sein Baby sehen können. Dann seien seine Eltern happy. Seine Mutter unterstüze seine Kunst weiterhin mit dem Herz, sein Vater nicht. Im Bezug auf seinen Bruder äußert Jak, dass sein Bruder hässlich für ihn sei. Er habe ihn als Kind geschlagen. Er sei ein Gangster, der auch schon 2 mal im Gefängnis gewesen sei. Er wisse nicht warum. Der Bruder habe keine enge Beziehung zu der Familie. Früher sei auch schon öfter die Polizei gekommen. Das sei Jaks Jugendzeit gewesen, sein großer Stress und für seine Eltern auch Heute eine große Belastung. Die Beziehung zu seiner Schwester sei gut. Sie wohne noch bei den Eltern. Die Wünsche seiner Eltern würden auf ihm lasten. Er liebe seinen Vater. Jak äußerte,dass er nicht an Gott glaube, sein Vater jedoch eine Art Gott für ihn sei. Wenn sein Vater sterben würde, sei er sehr traurig. Sein Vater sei ein sehr ordentlicher Mensch, ein von Herzen guter Mensch, der viele Träume gehabt habe. Er habe viel gelernt und habe Rechtsanwalt werden wolle. Sein Großvater habe dies jedoch verboten, so dass sein Vater diesen Traum verloren habe. Das alles habe sein Vater ihm erzählt, als er ihn zum Militärdienst gebracht habe. Manchmal würde er sich mit seinem Vater Briefe schreiben, sein Vater schreibe immer sehr mit Herz. Sein Vater sage mit 60 Jahren sei man sehr einsam, aber man müsse viel Geschichte haben und darauf achten, dass man  keine falschen Entscheidungen trifft. So frage er Jak sich was er wirklich machen wolle. Es passiere immer irgendwas, in seinem Kopf, wenn er nichts mache. Bezüglich sich selbst gibt Jak an, dass er kein öffentlicher Mensch sei. Er sei nicht aggressiv, im Kopf manchmal schon, aber nicht als Kraft. Er wisse wann er einen Charkater braucht  Früher war er immer allein, jetzt würde er sich langsam anderen Leuten öffnen, und mit diesen reden. Er denke immer so 2-3 Monate in die Zukunft, nie an die Vergangenheit. Er wisse auch nicht warum er sich nicht an seine Kindheit erinnert.

 

 

Auswertung:

 

Weitere Beobachtungen:

 

Jak antwortet langsam und sehr überlegt. Zwischen der Frage der Gutachterin und der Antwort von Jak verstreichen meist mehere Sekunden. Auffällig ist, dass Jak mit starkem Akzent redet, und auch bezüglich seiner Körperhaltung und Mimik im Vergleich zur ersten Sitzung sehr verändert wirkt. Er gibt einen völlig anderen Lebenslauf an, als beim ersten Gespräch. Ein wichtiges verbindendes Element scheint die Kunst zu sein,auch die Verbindung zum Vater ist in beiden Persönlichkeitsformen enthalten. Auffällig ist, dass Jak sich kaum an seine Kindheit erinnert. Auch denkt er nur 2-3 Monate in die Zukunft, so dass auch das Ziel, wo er hin möchte, offen bleibt. Warum Jak hier in einer ganz anderen Art und Weise auftritt, wie bei der ersten Sitzung bleibt fraglich. Es drängt sich jedoch der Verdacht auf eine starke Dissoziation auf, möglicherweise in der Ausprägung einer dissoziativen Störung. Eine direkte Konfrontation mit seinen Erzählungen von der ersten Sitzung wird zum jetzigen Zeitpunkt als nicht sinnvoll erachtet. Auffällig erscheinen Jaks Probleme in der verbalen Kommunikation, dieser Teil seiner Persönlichkeit scheint sich vor allen Dingen über die Kunst auszudrücken. So beschreibt er Deutschland beispielsweise als weißes Blatt das er neu beschreiben müsse oder dürfe. Auch seinen starken Wunsch sich der Kunst zu widmen, setzt er durch eine künstlerische Demonstration in seinem Zimmer durch. Hier beschreibt er alle Wände mit Zitaten und Zeichnungen. Auch äußert Jak immer wieder das Wort Herz und erscheint in seiner Gesamtpersönlichkeit als intuitiver Mensch, der sehr im Hier und Jetzt verankert scheint.

 

 

 

 

 

3. Drittes Explorationsgespräch mit Jak

 

Jak erscheint zu spät  zum Explorationstermin, er sei in der S-Bahn eingeschlafen. Jak gibt an er sei 1976 in Litauen in dem kleinen Dorf Servinus geboren. Seine Kindheit sei gut gewesen, er habe 7 Brüder gehabt. Sein Vater sei Förster gewesen. Seine Mutter Putzfrau im Krankenhaus. Alle haben sich gut verstanden, er habe Spaß gehabt in dem Dorf. Es habe keine Geschäfte und Shops zum Einkaufen gegeben, auch seine Schule sei 10 Kilometer weit entfernt gewesen. Es habe keinen Kindergarten gegeben, mit 7 Jahren sei er zur Grundschule gegangen. Auch habe er im Schülerhaus übernachtet, mit 30 Leuten in einem Zimmer. Nach 12 Jahren habe er 1995  das Abitur gemacht. Ab der 6. Klasse sei er nachmittags zur Kinderkunstschule gegangen, wo er nachmittags zeichnen und malen gelernt habe. Er habe eine Schreinerlehre gemacht, die jedoch nicht geklappt habe, da er die Abgabe zu spät geleistet habe.

Auf die Frage was er mache und ob er nun als Künstler arbeite gibt Jak an, dass er noch nicht Künstler sei, aber versuche Kunst zu machen. Eigentlich sei er Steinmetz, er arbeite seit 2003 in Esslingen.

Während seiner Zeit in Litauen habe er als Kunstlehrer gearbeitet. 1997 sei er auf die Kunstakademie in Vilnius gegangen, dort habe er im Studentenwohnheim gewohnt und nur noch 5 Leute in seinem Zimmer gehabt. Er habe viel gezeichnet und viel gelernt. Das Studium in Deutschland sei im Vergleich eher wie Urlaub. Im Jahr 2002 habe er sein Diplom gemacht, davor habe er einen Konflikt mit seinem Professor gehabt, der ihn rausgeschmissen habe. Im Jahr 2002 jedoch habe er diesen Abschluss alleine gemacht. Im Jahr 2000 habe er einen Preis gewonnen, mit dem er 3 Monate an der Kunstakademie in Stuttgart ein Stipendium habe machen dürften. Auch im Jahr 2001 sei er wieder nach Deutschland gekommen und habe Freunde besucht. Im Jahr 2002 habe er die Aufnahmeprüfung an der Stuttgarter Kunstakademie bestanden. Und im Jahr 2009 habe er seinen Diplomabschluss gemacht, dies habe beim ersten Mal geklappt. Seit dem arbeite er mit Kunst, habe Projekte, habe schon Preise gewonnen. Sein Steinmetzberuf sei für den Bauch, die Kunst für die Seele.

 

 

Beziehungsanamese:

 

Jak gibt an eine Freundin in Litauen zu haben. Im Moment sei es eine Skype Beziehung. Sie seien seit 3 Jahren zusammen, sie mache viel Keramik und man müsse mal sehen, ob die Beziehung weiter gehen könne. Jak gibt an viele Bekannte zu haben und auch die große Familie habe in stark beeinflusst. Bis er 23 Jahre gewesen sei habe er immer mit jemand im Zimmer gewohnt, das Leben alleine sei sinnlos, es sei Geben und Nehmen und das Verhältnis müsse stimmen . Aktuell wohne Jak in einer Zwangs WG zum Schlafen. Es seien 5 Leute, die sich ganz gut verstünden, Freunde seien das nicht. Jak gibt an wenig Freunde zu haben, ein paar in Litauen, ein paar in Deutschland, ein paar in England. Freund sei jemand der die gleiche Seele habe, er sortiere sehr stark.

Freizeit und Urlaub wie es die Deutschen haben, kenne er nicht. In Deutschland fühle er sich als Litauer in Litauen als Deutscher. Im Schwabenländle Leute kennen zu lernen sei schwierig in Litauen sei das einfacher. Er sei hier jedoch nicht einsam, wenn man ein Ziel habe sei dies ok. Sein Ziel sei in 10-12 Jahren Künstler zu werden, dies sei jedoch hart die Leute müssten mehr kaufen

Für ihn sei Kunst ein Entwicklungsweg, die Welt kennen zu lernen, und sich selbst in die Gesellschaft einzubringen.

Momentan arbeite er auch in einer Gruppe, dort sehe er sich als Bremse.

Er kritisiere, sehe die Dinge negativ, die Ideen seien ihm nicht gut genug.

Er sei selbst sehr wichtig in dieser Gruppe, da es Leute gebe die sehr euphorisch seien, die laufen würden ohne Boden.

Er sei Realist . Er selbst bekomme auch Kritik, darüber dass er zu oft kritisiere, aber er sei überzeugt, dass er die Dinge richtig sage. Er äußere konstruktive Kritik. Seine Künstlergruppe bestehe aus 3 Leuten. Der eine sei sehr stabil sage gute Sachen vertrete die Mittelposition ein anderer sei sehr optimistisch, euphorisch, nach vorne stürzend und sei sehr positv über sich und alles mögliche. Er selbst sei die Bremse.

 

 

Auswertung:

 

Auch dieses Mal gibt Jak an, aus einem völlig anderen Kulturkreis zu kommen. Auffällig sind die glaubwürdige Sprachbarriere, sowie der starke Akzent. In der Interaktion erscheint Jak dieses mal mehr zurückgezogen. Jede Information muss genau erfragt werden. Auf persönliche Fragen reagiert Jak zunächst mit Lachen, wie um seine Unsicherheit zu überspielen. Danach antwortet er zumeist mit Allgemeinschauplätzen. Die heutige Persönlichkeitsverfassung von Jak kann durchaus eine weitere dissoziative Spaltung darstellen, in der er seine kritische Seite und zweifelnde Seite dissoziert. Gemeinsame Themen sind wieder die Kunst, die kulturelle Auseinandersetzung, das Fremdsein, sowie die Auseinandersetzung mit Komunikation und dem gesellschaftlichen Kontext.

 

 

 

 

 

4. Viertes Explorationsgespräch mit Jak:

 

Jak wird nochmals auf die Kunst und seinen Beruf angesprochen, da dies die verbindenden Elemente der drei Persönlichkeitserscheinungsformen von Jak zu sein scheinen. Er antworte, dass es zwei Sachen gebe, eine fürs Geld und eine für die Kunst. Er sei Künstler, er mache auch Projekt alleine. Seit zwei Jahren arbeite er jedoch vermehrt in einer Gruppe. Er versuche dort alleine seine eigene Position zu haben und wenn er Stress in der Gruppe bekomme, dann verarbeite er dies in einer alleinigen Sache. Auf seine Position in der Gruppe angesprochen, antwortet Jak, dass er viele Ideen geben könne. Er sei anders als die Anderen, er habe einen anderen Geschmack, eine andere Farbe. Er funktioniere mehr über die Kunst, als über das Private. Seine Gruppe habe drei Mitglieder, einen der anfangs unrealistisch sei und viel reden würde und dann aber eine neue Sache entwickeln würde. Dann einen der nicht ganz so viel rede, und ein Kollege vor allen Dingen für Ausstellungen sei, und dann noch er selbst, er selbst sei zunächst noch ruhig, er müsse die Dinge verstehen und beobachten. Einer der drei gebe viel Kritik. Er selbst brauche manchmal mehr zeit, er könne nicht so schnell reden, wegen dem Sprachverstehen.

 

 

Auswertung:

 

Jak redet wieder mit koreanischem Akzent, antwortet bedacht und langsam. Dieses Gespräch kann nicht als neue Identität von Jak gewertet werden. Eher scheint sie der Persönlichkeit des zweiten Gesprächs zuzuordnen zu sein. Deutlich wird hier in diesem Gespräch wieder die starke Ausdrucksmöglichkeit über die Kunst, Jak äußert er habe eine andere Farbe als die anderen.

 

 

 

Diskussion:

 

Angaben zur Person:

 

Schon bei der Anameseerhebung wird deutlich, dass Jak stark widersprüchliche Angaben zu seiner eigenen Person macht. Zur genaueren Begutachtung muss daher dringend eine Fremdanamese eingeholt werden. Es gibt kaum gesicherte Angaben über Jak. Es kann davon ausgegangen werden, dass es sich um einen Mann Mitte 30 handelt, der in der Kunst arbeitet. Bzgl. Seiner Lebensgeschichte bleibt fast jegliche Information im Unklaren. Jak scheint Geschwister zu haben, aufgrund der bisherigen Explorationsgespräche konnten mindestens drei unterscheidbare Identitäten diagnostiziert werden. Die einzelnen Teilidentitäten scheinen völlig unabhängig voneinander zu agieren, es scheint jedoch auch Gemeinsamkeiten zu geben. Wann Jaks Aufspaltung in einzelne Persönlichkeiten stattfand, bleibt unklar. Auffällig ist jedoch, dass eine Teilidentität von Jak sich nicht an seine Kindheit erinnern kann, so dass hier Ursachen vermutet werden können. Welche Rolle die einzelnen Persönlichkeiten in Jak spielen, bleibt auch nach wie vor unklar, es können jedoch einige Arbeitshypothesen gestellt werden. Eine Hypothese wäre die Aufspaltung in über ich, ich und es, bzw. das Unbewusste. Der Persönlichkeitsanteil, der im ersten Explorationsgespräch dominant war, erschien sehr reflektiert, gesetzt und zielorientiert. Er konnte genau angeben wo er herkommt, hatte Erinnerungen an seine Kindheit und scheint seinen Platz gefunden zu haben. In dieser Identität konnte Jak sich ohne Barieren verbal ausdrücken, er betonte in dieser Identität jedoch auch, dass ihm das Spiel mit der Wahrnehmung sehr wichtig sei. Er brauche die Fremdwahrnehmung. Er wolle Deutschland auch durch die Augen von jemand Fremden sehen. Dabei wurde sein Bedürfnis den eigenen Kontext zu transzendieren sehr spürbar. Es kann die Hypothese aufgestellt werden, dass in diesem starken Bedürfnis sein Grund für die Aufspaltung in verschiedene Identitäten liegen könnte. Auch äußerte Jak, dass es ihm wichtig sei, durch innere Zwiegespräche selbstbewusster und sicherer auftreten zu können. Den anderen beiden Identitäten von Jak ist gemeinsam, dass sie sich anderen Kulturkreisen zuordnen lassen. Die eine Identität gibt an aus Korea zu stammen. Auch sprachlich wird dies durch einen Akzent und sprachliche Probleme deutlich. Diese Persönlichkeit von Jak hat die Kunst als Kommunikationsmittel: so erscheint die Sprache als sehr poetisch und bildhaft, und stellt so über die Bilder der Kunst ein funktionales Kommunikationsmittel dar. Diese Persönlichkeit wirkt sehr intuitiv und gegenwartsverankert. Sie kann nicht so genau angeben wo sie herkommt, und wo sie hin will. Eventuell lässt sich diese Persönlichkeit einer früheren Identitätsstufe von Jak zuordnen. Auch die Persönlichkeit des dritten Explorationsgespräches ordnet sich einem völlig anderen Kulturkreis zu. Sie gibt an aus Litauen zu kommen und dort aufgewachsen zu sein. Auch hier ist die sprachliche Barriere deutlich und glaubhaft. Diese Persönlichkeit zeigt sich als kritische Stimme, stellt Erreichtes in Frage und äußert ihre Kritik. Sie scheint mittelfristige Wünsche zu haben und ein starkes Bedürfnis nach der Realitätsprüfung ihrer Vorstellungen zu verspüren. Auch betont sie die Balance zwischen Erwerbsleben und Künstlerdasein. Eine hypothetische Möglichkeit dieser drei diagnostizierten Identitäten in Jak wäre sie dem freudschen Ansatz zu unterziehen. Hier könnten die drei Persönlichkeitszüge dem über ich, ich und es zugeordnet werden. Doch das freudsche Modell erscheint hier zu einfach. Zu viele andere gewichtige Einflüsse bestimmen die Persönlichkeit. Jak scheint sich zwischen drei Polen zu bewegen. Er wirkt als getriebener Mensch zwischen Kopf, Herz und dem kritischen Infragestellen. Als Hypothese könnte aufgestellt werden, dass jak die Aufteilung in drei Teilpersönlichkeiten benötigt, um insgesamt im Gleichgewicht zu stehen. Die Kommunikation erscheint einmal barrierefrei verbal, einmal ausdrucksvoll durch die Kunst, und einmal durch kritisches Hinterfragen sowohl der verbalen Äußerungen wie auch des künstlerischen Schaffens. Ein weiterer Punkt ist, dass Jak seine Stellung in einer Gruppe von Künstlern jeweils völlig anders beschreibt. Die eine koreanische Identität hat sich als ideengebend und durchsetzungsfähig durch Geduld beschrieben. Die zweite Stimme eher als kritikäußernd und Bremser. Vermutlich haben auch alle drei Teilidentitäten einen völlig anderen religiösen und philosophischen Kontext. Selbst politisch scheinen sie in völlig unterschiedlichen Richtungen geprägt. Die eine Teilidentität als deutscher Teil von Jak stammt aus einem ehemals geteilten Staat, wohingegen die zweite Teilidentität aus einem jetzt geteilten Staat stammt, in dem es jetzt stark brodelt. Jaks dritte Teilidentität aus litauen, stammt aus einem ehemaligen staatenverbund. Auch hier könnte potential für weiteres Expolrationsgespräche liegen. So kann zusammenfassend gesagt werden, dass die verschiedenen Identitäten die Welt durch verschiedene Augen wahrnehmen und aus völlig verschiedenen Kontexten stammen. Es scheint eine Aufspaltung in verschiedene Charakterzüge von Jak stattgefunden zu haben, die völlig unterschiedliche Eigenschaften mitbringen. Knackpunkte scheinen auch hier die kommunikativen Fähigkeiten zu sein, sowie der Umgang und der Ausdruck mit der Kunst. Auch der familiäre Kontext die Verwurzelung in der aktuellen Lebenssituation zeigen starke Unterschiede auf. So sind Teile von Jak in Deutschland stark verwurzelt, andere Teile völlig fremd und stammen aus einem anderen Land. Wie Jak diese unterschiedlichen Persönlichkeiten in seinen Alltag und seine Arbeitswelt integriert bleibt bisher unklar. Es kann jedoch eine Arbeit in der Kunstszene vermutet werden. Für eine genauere Anamese sind Fremdinformationen einzuholen. Welches Trauma letztendlich zur Dissoziation geführt haben könnte, bleibt unklar. Auch welcher Teil von Jak tatsächlich ein Grossteil seines normalen Alltags regelt, konnte bisher noch nicht eroiert werden. Komorbiditäten konnten bisher noch nicht festgestellt werden. Eine dringende psychiatrische Behandlung wird empfohlen. Ziel der Behandlung könnte sein, die einzelnen Identitäten zu reintegrieren und einander vorzustellen. Hierbei scheint die Förderung der Kommunikation und der Zusammenarbeit der Teilidentitäten im Fordergrund zu stehen. Ziel der abschließenden Behandlung der dissoziativen Identitätsstörung wird die Integration und Verschmelzung der Teilidentitäten sein. Jak soll sich als eine Person erleben können. Es ist jedoch darauf zu achten, ob Jak diese Integration als Therapieziel anstreben möchte oder ob er gegebenenfalls seine Identitätsvielfalt beibehalten möchte.

 

 

 

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