FALLEN IN OFFENE DEUTUNGSRÄUME

 

Andreas Baur

Leiter, Villa Merkel, Galerie der Stadt Esslingen

 

 

Licht an, Licht aus, an, aus … Kaum, dass die Dinge zu erfassen wären. Besucherinnen und Besucher von JAKs Ausstellung Soul Blindness berichten von einer fein ausgeklügelten Lichtregie, von eigentümlich klaren Spiegelungen, von Doppel-, Nach- und Traumbildern, von weit ausgreifenden Inhaltsschleifen und Rückkoppelungen, die durch das Ausstellungshaus verliefen, auch davon, dass skulpturale Körper in der Lage seien, – einer ambivalenten, nicht abgesicherten Wahrnehmung folgend – beides zugleich zu zeigen: ihre Außen- und die Innenform. Für die Betrachtenden seien bisweilen die Verhältnisse nicht eindeutig zu entscheiden. Auch stünde infrage, wie genau der Fokus einzustellen sei …

 

So stürzen beispielsweise in technisch knalligem, kräftigen Grün die Spiegelungen der umgebenden Architektur und einer weißen Skulptur – hoch glänzend – ineinander. Realiter wächst die Skulptur meterhoch aus der Kulisse einer schräg stehenden grünen Fläche und verbindet auf diese Weise beide Geschosse des Lichthofes der Villa Merkel. Ist das Ding ein Baum? Doppelstämmig? Ein Baum, wie er einem in Träumen erscheinen mag – alt, knorrig, ohne natürliche Färbung – und den man, eben erwacht, kaum zu erinnern imstande ist? Rein gegenständlich betrachtet, handelt es sich um einen Hybrid mit einer mechanisch bearbeiteten skulpturalen Oberfläche, die ihr konstruktives Herkommen aus dem Digitalen nicht verleugnet. Die Baum genannte Skulptur begleitet die Besucher durch die ganze Ausstellung – das gesamte Haus –, fordert mal den Blick von unten, mal von oben und zeigt sich, mal Orientierung, mal Halt gebend, mal eine latente Irritation stiftend, aus den verschiedensten Perspektiven in vielfacher Gestalt. Aber auch dem spitzen Winkel, den die grüne Kulisse zeichnet, begegnet man in der Ausstellung des Öfteren noch …

 

Es sind prekäre Situationen, wenn Weltenbilder und Seelenwohl nicht zur Deckung finden. Zu attestieren ist dann eine Form der Seelenblindheit. Statt eines präzisen Erkennens, das Voraussetzung ist für einen gelingenden Austausch unter Individuen, herrschen – wenn man so will – Schwebezustände vor, offene Deutungsräume, unsichere, kaum oder gar nicht existente Verknüpfungen zwischen Wahrgenommenem und beispielsweise der Welt der Begriffe. Die Störung betrifft den kognitiven Apparat. „Gleich wie: Das Gehirn hat auch eine Schwäche. Das Gehirn ist einfach ein Gehirn … nicht mehr“, sagt eine Stimme aus dem Off während der ersten Dreiminuten-Sequenz aus JAKs Film Soul Blindness. „Diese unsichtbare Rivalität zwischen Gehirn und Seele tritt bereits kurz nach der Menschwerdung auf und besteht noch immer fort – bekannt als agnostische Störung. Obwohl ich diese Störung habe“, bekennt der Protagonist im Film – ist er am Ende JAK selbst? –, „habe ich nach und nach einen Weg gefunden, sie zu überwinden. Die TMS-Maschine. Ich habe sie.“ [1] Die TMS-Maschine? Und: Who the fuck is JAK?

 

Im Rückblick gibt JAK sich zu erkennen als Künstler, als Romanfigur, Psychotherapeut, Religionsforscher und … eben auch als Regisseur und Drehbuchautor. Und dennoch: JAK bleibt anonym. Freilich ist das Konzept der Anonymität als eine dem Künstlerkult, der dem genuinen Schöpfertum huldigt, diametral entgegenstehende Haltung nicht neu. Vielmehr findet es sich in den verschiedensten Ausprägungen in der jüngeren Kunstgeschichte: etwa in der Warhol’schen Idee der Factory, die die Individuen und ihre Talente in übergeordnetem Sinne zusammenspannt; oder in Ad Reinhardts Verfahren einer doppelten Negation, die es dem Maler mit seinen Ultimate Paintings ermöglichte, alle Formen subjektiv aufgeladener Konnotation hinter sich zu lassen. Oder in der „Kraft der Nicht-Identität“, die Sturtevant die konzeptuelle Grundlage ihrer künstlerischen Haltung nennt. Ihre Werke setzen sich mit Konzepten der Autorschaft und Fragen des Originals auseinander, ahmen minuziös die scheinbar einzigartigen Zeichen der Identität nach und heben sie, deren Nachahmungen „wie Spiegel ohne Spiegelverkehrung (funktionieren)“ [2], auf.

 

Und heute? Unstrittig ist: JAKs Konzept der Anonymität ist ein Stück weit fragil, fast brüchig und stellt sich selbst fortlaufend auf eine harte Probe etwa angesichts eines Kunstmarktes, der nach wie vor auf prominente Sechzehnender setzt, auf exponierte Künstlerinnen und Künstler, die sich bestens als Projektionsflächen für unser aller Streben nach einer unverwechselbaren Identität eignen. Konzepte der Anonymität in der Kunst stehen andererseits in kritisch reflexivem Bezug zu populistischen Tendenzen in der Politik, alleine schon deshalb, weil diese ohne gewisse Formen eines überzogenen Personenkults nicht denkbar scheinen. JAK, weder Einzelperson noch Factory, sondern ein seit Jahren in stabiler Formation agierendes atelierJAK [3], insistiert mit seiner Form der Autorenschaft indes auf einen Produktionszusammenhang, der je nach Ausgangslage die unterschiedlichsten Expertisen einzubauen und kreativ zu bündeln weiß. JAK tritt daher – idealerweise und im wortwörtlichen Sinn – unpersönlich und frei von subjektiver Aufladung allein durch Werke und Projekte in Erscheinung.

 

Der Held in Soul Blindness leidet an der agnostischen Störung. Seit 2013 arbeitet JAK an diesem Film, dessen Entstehungsprozess außergewöhnlich zu nennen ist. Von Ausstellung zu Ausstellung – so auch mit jener in der Esslinger Villa Merkel – schreibt JAK die Geschichte des Films fort und nutzt dabei die transformierenden Kräfte verschiedener Medien wie Zeichnung, Text, Video, Sound, Skulptur, Malerei und Installation. Alles kreist um Doppeldeutigkeiten, um Systeme von Unkenntlichkeit, um Gedankenschleifen. So sind etwa auch Doppelseiten einer einschlägigen medizinischen Publikation schnitttechnisch so bearbeitet, dass der Text auf den Kopf gestellt und dessen Leserichtung gekontert ist. Damit wird seine eigentliche Bedeutungsebene aufgelöst und überführt in die Form einer spielerischen Textur, in ein Licht- und Schattenspiel, ein zerbrechliches materiales Flirren. Die Agnosie infiziert so auch den Bereich des Illusionären, was – wie nebenbei – ausgezeichnet mit ihrem Krankheitsstatus korrespondiert.

 

Fall into indescribable scenes – der Untertitel ist Programm in doppeltem Wortsinn. Er ist Einladung, einzutreten und sich fallenzulassen, und meint zugleich ein geradezu haltloses Stürzen. Die Ausstellung bietet begehbare Szenen- und Bühnenbilder, die einladen, in die Bild gewordene Gedankenwelt von JAK einzutauchen. Mit einem Mal findet man sich in einem punktuell schwach beleuchteten, grünlich schimmernden Kabinett aus Glas und Metall, das zugleich Durchsichten und Spiegelungen darbietet. Spitz läuft die Konstruktion auf der einen Seite zu – ein Raum im Ausstellungsraum, in den hinein sie Schatten wirft. Die verschiedenen Erfahrungsmomente stehen gleichrangig nebeneinander. Die Wahrnehmung ist gefordert und bleibt zumindest doppeldeutig. – Ist es nicht exakt jener Winkel, den man aus dem Lichthof kennt? – Der Held des Films hat selbstverständlich ein Zuhause – einen „Room“ – in Gestalt eines prekär spitz zulaufenden Zimmers. In unterschiedlichen Weisen tritt dieses in JAKs Installationen zutage – in einem Fall z. B. als modellartiges Hologramm, das in einem abgedunkelten Kabinett, räumlich kaum zu fassen, immateriell über einem Sockel schwebt, als wäre hier ein hochbegabter Illusionist am Werk. Ein perfekt ausgerichteter Spot geht an, geht aus, geht an …

 

Und immer wieder sogenannte Ruheräume. Grün ausgeleuchtet. Flash-Light. Das Auge gerät in Stress; sucht Ausgleich und erzwingt ein rosa-pinkfarbenes Leuchten, wenn man in die Nachbarräume hinüberschaut. Wieder ist man mitten drin! Konkret und physisch. Fast alle der Besucherinnen und Besucher berichten von Erfahrungskräften der Ausstellung, die sie förmlich auf die Ebene einer Komplizenschaft mit dem Filmhelden gezwungen hätten – auch bezüglich seiner Erkenntnisstörung?

 

Die Dinge begegnen einander in der Villa Merkel in Gestalt einer komplexen sinnlichen Verschränkung; wenn man so will: in Gestalt eines collageartig aufgebauten Kosmos – Spiegelungen hier und dort, Brechungen des Imaginierten an virtuellen Kanten, Leerstellen als Projektionsflächen … und die Skalierung des Objektträgers im Zusammenhang von mikroskopischen Untersuchungen. Sie bildet den Maßstab für die von JAK entworfene Schrift wie sie auch das Rastermaß sowie die Größe der in Epoxidharz gegossenen Szenenentwürfe en miniature bestimmt. Deren Verfertigung steht oft als tagebuchartige Fingerübung am Beginn von JAKs Arbeit im Atelier.

 

Es gibt zum Film ein Drehbuch. Dessen Szenen sind in rasterstrukturierte Malerei übersetzt, indem JAKs Schrift verdichtet wird zu Texturen, abstrakt und kaum mehr leserlich – einige Regieanweisungen wie „Long Shot“ oder „Cut To“ im Fall der präsentierten Szene 6 ausgenommen. Das strukturell vergleichbar aufgebaute Dreikanalvideo treibt die Verunsicherung der Wahrnehmung noch weiter: Nachdem sich nach und nach eine Verdichtung der Bildräume aufgebaut hat, setzen kaum merklich Veränderungen ein, die mit zeitlichem Versatz, im Nachhinein, erst erkannt, nicht aber erklärt und als sanfter visueller Nackenschlag empfunden werden können. – War diese zum Pink hin driftende Partie nicht eben noch orange?

 

Der Held des Films besucht gelegentlich den Blue Star, eine Kneipe, wo er Leute trifft und Unterhaltung sucht. In einer kinetischen Arbeit formt sich der um eine senkrechte Achse rasend schnell rotierende Schriftzug zu einem skulpturalen Gefäß. In langsamer Drehung hingegen blinkt der Schriftzug auf: Außenseite, Innenseite, außen, innen, Licht an, Licht aus, an, aus … der Rhythmus? – etwas träge wie bei einer Neonreklame. Als solche könnte er an der Fassade des Gebäudes hängen. Besucherinnen und Besucher der Ausstellung berichten glaubhaft, andere hätten sich im Anschluss an den Ausstellungsbesuch entschieden, später noch ins Blue Star zu gehen. Als hätten sie den Plan gefasst, dort JAK zu treffen …

 

 

[1]     Im Original in der Video-Sequenz in englischer Sprache: “However, the brain also has a weakness. The brain is simply a brain … and nothing more … This invisible rivalry between the brain and the soul appeared not long after man came into existence and still persists. The outcome is known as agnostic disorder. Even though I have this disorder, I have slowly discovered a way to overcome it. The TMS machine. I have this.” Siehe hierzu auch S. 132 in dieser Publikation.

[2]     Mario Kramer, „Einführung“, in: Sturtevant Drawing Double Reversal, Ausst.-Kat. MMK Frankfurt/Main u. a. O., Zürich 2014, S. 18; vgl. auch Michael Lobel, „Die Zeichnung und die Wurzeln von Sturtevants Werk“, in: ebd., S. 28–36.

[3]     Zu Beginn agierte das Kernteam des atelierJAK als Dreierteam – das dreibuchstabige Akronym gibt Hinweis darauf – , seit 2012 als Duo.