active competition, oder: einfach JAK

Dr. Nils Büttner

 

Der Anruf kam völlig überraschend. Wir hatten keinen Kontakt mehr, seit JAK sich auf Reisen begeben hatte. Nach Monaten völliger Funkstille brach nun völlig unverhofft ein Redeschwall auf mich nieder. Zwischen höflichen Floskeln und freundlichem Reden schälte sich langsam das eigentliche Anliegen heraus. Der Grund des plötzlichen Anrufs. Der angesehene Kunsthistoriker, der sich als Autor eines Beitrages für den neuen Katalog angeboten hatte, war abgesprungen. Sein fest versprochener Text sollte das anspruchsvolle Buch abrunden. Nun solle ein Text von mir an diese Stelle treten. Es spricht für JAK, dass mir nicht vorgespiegelt wurde, ich sei die erste Wahl für diese Aufgabe. Umso dringlicher sei aber ein Text für das aktuell in Arbeit befindliche Buch, für den es keinen geeigneteren Autor gebe als mich. Mein leichtes Zögern sollte nur der höflich formulierten Frage Raum geben, wann denn der Text benötigt werde. JAK nahm die Antwort vorweg. Morgen! – ja, man brauche den Text schon morgen. Ist JAK wahnsinnig geworden? Ich kenne JAK lange und gut genug, um zu wissen, dass sich diese Frage nicht stellt.

 

Ist JAK krank? Etwa aus der Zeit unserer ersten Begegnung stammt jener Arztbericht, der entstand als JAK sich wegen des Verdachts einer „dissoziativen Identitätsstörung“ unter ärztliche Aufsicht begeben hatte. Dort war JAK erstmalig am 26. November 2010 vorstellig geworden, weil „er sich als Künstler in einem ständigen Zwiegespräch dreier unterschiedlicher Meinungen befindet und geleitet wird“. Wer JAK länger kennt, weiß worauf die Diagnose gründet. Sie ist nämlich jenseits aller potenziellen Pathologisierung die denkbar größte Stärke seines künstlerischen Konzeptes. Es schlägt sich auch in dem nieder, was im aktuellen Projekt unter dem vieldeutigen Titel „active competition/lebhafte Konkurrenz“ vorgestellt wird.

 

JAK ist gereist. Davon muss in diesem Zusammenhang ausführlicher gesprochen werden. Denn nur in der Begegnung mit dem Anderen wird JAK greifbar, indem er sich zugleich in ihm auflöst. Die Wahrnehmung von Welt als Akt der subjektiven Aneignung wird hinterfragt, indem der jeweils neu erprobte künstlerische Schaffensprozess vom erfindenden Künstler abgekoppelt wird. Doch gerade weil JAK als Künstler und Person nicht greifbar ist, drängt sich umso hartnäckiger die Frage der Autorschaft in den Vordergrund. Schließlich dominiert sie in der Bildenden Kunst bis auf den heutigen Tag den ästhetischen Diskurs.

 

Ist JAK tot? Bereits 1967 hatte Roland Barthes in einem vielbeachteten literaturtheoretischen Aufsatz den „Tod des Autors“ postuliert, „La mort de l’auteur“. Mit allem Nachdruck hatte Barthes den traditionellen Biographismus kritisiert, der die Erklärung für jedes Werk vordringlich in der Person des Autors suchte. In einem seit dem Mittelalter ungebrochen fortwirkenden Begriff vom Auctor eines Werkes, der als Urheber und Verfasser zugleich Autorität für sich in Anspruch nahm, auctoritas. Genauso langes Nachleben sollte dem emphatisch-idealisierten Autorbegriff des 18. Jahrhunderts beschert sein, der entschieden dazu beitrug, dass ein von der Person des Künstlers abgelöstes Kunsturteil kaum zu denken war und ist. Aber ist wirklich nur das Kunst, was ein namhafter Künstler geschaffen hat?

 

Wer zum Teufel ist JAK? JAK spielt ironisch mit einem Fetisch des modernen Kunstmarktes, dem Namen des Künstlers, der dem Kunstpublikum nicht selten wichtiger ist als das Werk. Wer hätte nicht schon schmunzelnd jene Ausstellungstouristen beobachtet, die in einem größeren Museum in leicht gebückter Haltung von Schildchen zu Schildchen schleichen, dabei an den meisten Bildwerken vorbeistorchen, ohne auch nur einmal den Blick zu heben, um plötzlich, wenn ein Name aufscheint, der in Reiseführern erwähnt wird, das Kunstwerk mit einem schnellen Blick geschäftsmäßig abzuhaken. Wer kennt nicht das Vernissagepublikum, das in Gruppenausstellungen verschämt die Namen neben den Arbeiten abzulesen sucht, um vor Arbeiten neben bekannten Namen mit verschränkten Armen andächtig nickend stehen zu bleiben und, einen Schritt vor, zwei zurück, Kennerschaft zu simulieren. Werke von weniger Prominenten provozieren, nach demselben schüchternen Seitenblick auf das Namensschild, einen anderen Bewegungsablauf. Ein kurzer Blick in die Runde, sprich: „Muss man den etwa kennen?“ Dann, bei schwachem allgemeinen Interesse, Arme verschränken, Augenbraue hochziehen und abwenden: „Who the fuck is JAK?“

 

JAK lässt diese Frage offen. Das lenkt den Blick auf die künstlerische Arbeit, zu der stets auch die Reflexion künstlerischen Handelns gehört. Das zeigt sich auch, wenn JAK reist und an wechselnden Orten in immer neuen kulturellen Konstellationen künstlerische Arbeiten entwickelt. JAK macht dabei die in einer globalisierten Welt alltäglich gewordenen Bewegungen von Waren und Wahrnehmungen, von Menschen und Meinungen in einzigartiger Weise sichtbar. Die auf Reisen gesammelten Erfahrungen und Erlebnisse werden zu den Ingredienzien künstlerischer Interventionen, in den Subjektivität und Alterität genauso reflektiert werden, wie Fragen von Fremdheit oder der eigenen kulturellen Identität. Ein kluger Kritiker hat mit Blick auf JAKs Arbeiten darauf hingewiesen, dass dessen Interventionen und Objekte jenen Raum ausloten, „den der postkoloniale Theoretiker Homi Bhabha als ›third space‹ bezeichnet hat – einen dritten Raum zwischen dem eigenen Kontext und dem Fremden und Exotischen, an dem sich die Definitionen und Grenzen selbst aufzulösen beginnen“.

 

JAK ist Kunst. Wenn man JAK fragt, ob das stimmt, bekommt man keine Antwort sondern eine Frage. Ist JAK nun ein Konzept? Manchmal ein menschgewordener Künstler? Manchmal eine literarische Romanfigur? Man darf hoffen. Nicht auf Antworten vielleicht, sondern auf viele neue Fragen, von denen man ohne JAK nicht gewusst hätte, das es sie gibt. Selbst wenn man JAK auffordern würde, ganz spontan eine Zahl zwischen eins und zehn zu nennen, müsste man vermutlich mit einer Gegenfrage rechnen: „Eine die es schon gibt, oder eine Neue?“

 

JAK ist die Inkarnation des Möglichkeitssinns. Den hat nicht JAK erfunden, sondern Robert Musil, der in seinem 1930/32 entstandenen Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ darüber philosophierte: „Wenn es aber Wirklichkeitssinn gibt, und niemand wird bezweifeln, daß er seine Daseinsberechtigung hat, dann muß es auch etwas geben, das man Möglichkeitssinn nennen kann. Wer ihn besitzt, sagt beispielsweise nicht: Hier ist dies oder das geschehen, wird geschehen, muß geschehen; sondern er erfindet: Hier könnte, sollte oder müßte geschehn; und wenn man ihm von irgend etwas erklärt, daß es so sei, wie es sei, dann denkt er: Nun, es könnte wahrscheinlich auch anders sein. So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebensogut sein könnte, zu denken und das, was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.“

 

JAK zeigt Wirklichkeiten. Der szientistischen Behauptung einer ontologischen Totalität, die nur eine Wirklichkeit kennt, setzt JAK in präziser Beobachtung alltäglicher Phänomene die Erkenntnis entgegen, dass Realität und Wirklichkeit nicht gleichbedeutend sind. Indem JAK sein Publikum zwingt, im Fremden das Vertraute zu entdecken und vermeintlich Bekannten das Fremde, wird jede Arbeit zum Prisma für Fragen, die jeder in sich trägt.

 

Dazu wäre noch viel zu sagen. Aber dieser Text wird gebraucht. Morgen schon. Ob er die Erwartungen erfüllt, die sich für JAK damit verbanden? Was kann man von einem Text erwarten, der in vierundzwanzig Stunden fertig sein musste? Wenig.

 

Was darf man von JAK erwarten? Viel,  viel mehr …