Karaoke – Alpin

2008

Mixed Media, Installation

 

Steil, wie ein Klettersteig, führte die Treppe des Taberhofes in die erste Etage. Was mich dort als Besucherin erwartete, war ein raumgreifendes Holzgebilde, das mich mit unüberwindbaren Paradoxien konfrontierte.

Das Holz, die Pferdetränken und die Teppichreste waren als spolienartiges Versatzstück dem einst benutzten Bauernhof und der näheren Umgebung entbunden. Die daraus erwachsene Konstruktion war das Abbild der gebirgigen Landschaft und das Abbild der bäuerlichen Handwerksarbeit Südtirols. Als Kontrastprogramm dazu präsentierten sich Videos, die über Fernsehapparate liefen und dem Holzkonstrukt einverleibt waren. Aber nicht nur kontrastierend zum rustikalen Materialgebrauch, sondern auch durch die Bildsprache stellten die Videos ein irritierendes und provokantes Moment dar. Pseudoromantische Aufnahmen singender junger Männer vor kitschigem Hintergrund, gemäß einer beliebigen Netzszenografie, und die in Zeilenform erschienenen Liedtexte schworen eine Welt herauf, die höchstens eine Parodie jener idyllischen Oase alter Sitten und Gebräuche sein konnte, die sich Südtirol nennt.

Eine Karaokebar im Alpenland? – wie ein fremdimportiertes Element in einer heilen Welt. Es störte die gewohnte Eintracht und Einigkeit und war ein Angriff auf die unberührte Heimatästhetik.

 

Oder ist es doch anders?

Der überspitze und ironische Umgang mit tradierten Bildern und Vorstellungen als kritische Reflexion des Zugehörigkeitsgefühls und des heimatlichen Erbes, – das Kunstwerk als Kritik am Klischee, am versüßlichten, bröckelnden und realtitätsfernen Entwurf einer kulturellen Einheit: beides Elemente, die die Frage nach IdentitätEN stellen, entwerfen, verwerfen und gleichzeitig tiefer und unmittelbarer in ihr Wesen, in ihre Abbilder und in ihre Konstruktionen eindringen.

 

Martina Oberprantacher

Kunsthistorikerin und Kunstvermittlerin

 

 

 

 

Norbert C. Kaser

 

alto adige

alto fragile

 

reiseland

durchgangsland

niemandsland

 

zu lange das requiem

als daß die tote erstuende

aber die grabreden

geben die leiche nicht preis

 

andreas hofer

laeßt sich

nicht ver(d)erben

aber der sarg

ist noch offen

 

ha-ha-hai-

heimatland

 

Norbert C. Kaser, jetzt mueßte der kirschbaum bluehen. Gedichte, Tatsachen und Legenden, Stadtstiche. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Hans Haider, 1983.