SEELENBLINDHEIT – WAHRNEHMUNG OHNE BEDEUTUNG

 

Dr. Ulrike Pompe-Alama

Juniorprofessur für Philosophy of Simulation Institut für Philosophie, Universität Stuttgart

 

 

Der Begriff der Seelenblindheit [1] beschreibt den paradoxen Zustand, eine Sinneswahrnehmung zwar zu haben, ihr aber keine Bedeutung zuschreiben zu können – wir sehen, ohne zu erkennen.

 

Bereits 1890 beschrieb Lissauer [2] zwei verschiedene Formen dieser Wahrnehmungsstörung. Bei den sogenannten apperzeptiven Agnosien ist die sinnliche Wahrnehmung in ihrer Entstehung gestört, was zu einer Art Teilblindheit führt, während bei den sogenannten assoziativen Agnosien der Wahrnehmungseindruck zwar intakt, die kognitive Verarbeitung desselben aber gestört ist, sodass ein Gegenstand weder benannt noch beschrieben, noch klassifiziert werden kann.

 

Agnosien geben interessante Einblicke in die Organisation und Arbeitsweise unseres Gehirns. So illustrieren apperzeptive Agnosien die Arbeitsteilung des visuellen Kortex bei der Verarbeitung optischer Objekteigenschaften.

 

In unserer alltäglichen Erfahrung erscheint uns die visuelle Welt als kohärente, farbige, detailreiche, scharf-gezeichnete Ansammlung distinkter, manchmal bewegter, manchmal stillstehender Einzelgegenstände im dreidimensionalen Raum. Wie leicht dieser Wahrnehmungseindruck gestört sein kann, ist jedem Brillenträger bekannt; glücklicherweise lässt sich der Sehschärfeverlust leicht mit Hilfsmitteln korrigieren. Ungleich schwieriger ist eine Korrektur, wenn es nicht die Augen sind, sondern das Gehirn, das für eine Störung des Wahrnehmungseindrucks (des Perzepts) verantwortlich ist.

 

Am hinteren Ende der Großhirnrinde, dem okzipitalen Pol, befindet sich der primäre visuelle Kortex. Hier werden die Sinnesreize, die von der Netzhaut über die Sehbahnen im Gehirn dorthin projiziert werden, aufgeschlüsselt und zu einem Perzept wiedervereint. Bestimmte Unterareale verarbeiten hier unterschiedliche Aspekte visueller Information, nämlich Form (Areal V3), Farbe (Areal V4) und Bewegung (Areal V5). Eine apperzeptive Agnosie tritt dann auf, wenn eines dieser Areale verletzt wird und keine Reize mehr verarbeiten kann. In so einem Fall können die einzelnen visuellen Eigenschaften unabhängig von der Verarbeitung der anderen Eigenschaften nicht mehr wahrgenommen werden. Wenig schwer fällt es uns, uns den Ausfall der Farbwahrnehmung (Achromatopsie) vorzustellen – schwieriger wird es, wenn wir uns vorstellen wollen, wie sich unser Wahrnehmungseindruck gestaltet, wenn wir keine Formen wahrnehmen können. Betroffenen erscheinen Gegenstände in diesem Fall als farbige Kleckse ohne klare Konturen. Noch herausfordernder ist der Ausfall des Bewegungssehens (Akinetopsie). Hierbei werden kontinuierliche Bewegungen (herannahende Autos; Flüssigkeiten, die in ein Glas gegossen werden) lediglich in diskreten Sprüngen registriert, ähnlich wie unter Stroboskoplicht.

 

Die einzelnen Funktionen des visuellen Kortex sind dabei basal und essenziell. Oft kann unser Gehirn viele Funktionen nach einem Ausfall (beispielsweise durch einen Schlaganfall) wieder erlernen, indem andere Hirnareale die Aufgaben der verletzten und abgestorbenen Zellen übernehmen. Bei den beschriebenen Störungen ist das nicht der Fall, die sogenannte Plastizität des Gehirns scheint für primäre Funktionen wie die Analyse visueller Reize nicht zu greifen; insofern sind sie basal. Essenziell sind sie, weil sie nicht nur für das bewusste Seh-Erlebnis, sondern auch für unser Gedächtnis grundlegend sind. In der Literatur wird ein Fall beschrieben, bei dem ein Maler nach dem Ausfall des Farbensehens auch jegliche Erinnerungen an Farben mit der Zeit verlor.  [3]

 

Assoziative Agnosien weisen auf weitere komplexe Zusammenhänge der zerebralen Architektur hin. Der Seheindruck – das Perzept – ist hier in der Regel normal. Es liegt also weder Blindheit noch eine Teilblindheit vor. Jedoch kann das Gesehene nicht kognitiv erfasst werden. Betroffene sind in der Lage, Objekteigenschaften wie Farbe, Form, Textur oder Größe zu beschreiben, und können Objekte abzeichnen, können aber den Gegenstand nicht benennen oder seine Funktion beschreiben [4]. Auch das Zeichnen von Objekten aus dem Gedächtnis oder das Beurteilen von Aussagen über Objekte wie z. B. „Eine Auster hat vier Beine.“ kann Betroffenen nicht möglich sein. [5] Hier haben wir den von Munk beschriebenen Fall der Seelenblindheit. Das Auge nimmt wahr, aber die Seele (moderner: der Verstand) findet die Bedeutung des Gesehenen nicht.

 

Namen und Funktionen von Objekten sind Gegenstand des semantischen Wissens. Üblicherweise ist dieses Wissen direkt mit dem Wahrnehmen des Gegenstandes assoziiert, d. h. verfügbar oder zumindest schnell abrufbar. Bei Patienten, die unter einer assoziativen visuellen Agnosie leiden, ist diese unmittelbare Verknüpfung gestört.

 

Oft sind nur Gegenstände aus einer spezifischen Kategorie von der Agnosie betroffen, z. B. Tiere oder Werkzeuge [6], Gesichter (Prosopagnosie) [7], Wörter (Alexie) oder die Umgebungstopografie inklusive auffälliger Landmarken wie z. B. dem Eiffelturm [8]. Schließlich gibt es noch das Phänomen der Simultanagnosie, bei dem nur jeweils ein Objekt erkannt werden kann, obwohl sich mehrere im Gesichtsfeld befinden.

 

Obwohl die in der Literatur beschriebenen Fälle sich stark voneinander unterscheiden und jeder Patient in seiner Symptomatik einzigartig ist, lassen sich dennoch interessante Muster erkennen. Zum Beispiel gibt es Patienten, deren Störung sich nur auf Körperteile beschränkt [9] oder Objekte, die sich typischerweise im Inneren von Gebäuden und Räumen befinden [10]. Häufig jedoch betrifft die Störung entweder Artefakte (also von Menschen gemachte Gegenstände wie Werkzeuge, Musikinstrumente etc.) oder Tiere und Früchten sowie Gemüse [11]. M. D. etwa, ein Fall, den Hart und Kollegen [12] beschreiben, war nicht in der Lage, Obst und Gemüse wie Orangen und Pfirsiche zu benennen, konnte aber recht schnell einen Abakus und die Sphinx benennen. Sein semantisches Wissen war nicht nur vom visuellen Perzept dissoziiert, sondern auch von anderen Sinnesmodalitäten – so konnte er die jeweiligen Früchte auch nicht benennen, wenn er sie anfassen durfte oder wenn man sie ihm beschrieb.

 

Diese Überbrückung des Zugangs zum semantischen Wissen über andere Sinnesmodalitäten ist in anderen Fällen dokumentiert. Oft erkennen Patienten den Gegenstand sofort, wenn ein typisches Klangbild desselben präsentiert wird oder wenn der Patient die Möglichkeit hat, den Gegenstand zu betasten und zu benutzen. So beschreiben Sirigu und Kollegen [13] den Fall eines Patienten, der keine Alltagsgegenstände erkennen konnte; lediglich wenn er die visuellen Eigenschaften des Objekts umschrieb oder seine Hände dabei betrachtete, wie sie mit dem Objekt umgehen würden, gelang es ihm, Information über die Identität des Gegenstandes zu erlangen. Über eine Sicherheitsnadel sagte er beispielsweise: „Man öffnet es auf einer Seite, steckt etwas darauf, macht es wieder zu, und das, was man draufgesteckt hat, bleibt darin stecken. Ich kann Ihnen sagen, wie es funktioniert, aber ich verstehe seinen genauen Gebrauch nicht. Ich glaube nicht, so etwas schon mal gesehen zu haben. Es ist kein sehr gebräuchliches Objekt.“ Der Patient kann also die mechanischen Eigenschaften des Objekts auf Grundlage seiner visuellen Eigenschaften richtig beschreiben, kann das Objekt aber dennoch nicht richtig benennen und identifizieren. Als Reaktion auf die Abbildung eines Presslufthammers imitierte er die Vibration und die entsprechende Handhabung, schaute auf seine Hände und sagte: „Es macht viel Lärm.“ Auf die Frage, wofür der Gegenstand benutzt würde, sagte er: „Vermutlich um Löcher zu machen …“ Und nach einer Pause: „… in die Wand. Wenn man ein Bild aufhängen möchte …“. Die Funktion des Gegenstandes wurde hier richtig erkannt, jedoch in den falschen Kontext eingeordnet. Auf ähnliche Weise verortete der Patient ein Bügeleisen als etwas, womit man etwas glatt machen kann, meinte aber, dass man damit Kleber verteilen würde. Der Betroffene schafft es also, die funktionalen Eigenschaften eines Objekts zu erfassen, ohne den Gegenstand als solchen zu erkennen.

 

Die Vielfalt und Selektivität assoziativer Agnosien stellen uns vor die Frage, wie objektbezogene Information im Gehirn organisiert und strukturiert ist. Dabei gibt es zwei konkurrierende Ansätze. Nach einer Theorie sind Objektkategorien in spezifischen Gehirnarealen kodiert und gespeichert – dies ist der modulare Ansatz, demgemäß es spezifizierte Areale zur Erkennung von Gesichtern, Autos, Tieren, Werkzeugen, Früchten etc. gibt. [14] Ein anderer Ansatz vertritt die These, dass es keine abgegrenzten neuronalen Zentren für jede mögliche Objektkategorie geben kann, sondern dass es graduelle Objekteigenschaften (z.B. hohe Detaildichte oder Bewegungsmuster) sind, die in sich überlappenden Arealen kodiert werden und sich durch Erfahrung und Umgang mit bestimmten Objektklassen trainieren und erlernen lassen. [15]

 

Zumeist werden visuelle Agnosien durch Hirnläsionen (z. B. durch Schlaganfälle) ausgelöst. Manche Formen von Prosopagnosie sind aber auch angeboren (man schätzt, dass dies bei ca. zwei Prozent der Bevölkerung der Fall ist) und weisen wegen ihrer erhöhten Häufung innerhalb von Familien eine genetische Komponente auf. In anderen Fällen lassen sich visuelle Agnosien auf degenerative Erkrankungen wie Alzheimer oder auf ein durch Alkoholismus verursachtes globales Absterben von Nervenzellen zurückführen. [16]

 

Es mag sich für Betroffene oft seltsam und beängstigend anfühlen und ihr tägliches Leben zu Zeiten erheblich beeinträchtigen. Umso wichtiger ist es, Betroffenen genau in der Schilderung ihrer Problematik zuzuhören, um ihre Beeinträchtigung nachvollziehen zu können. Das Spannende und Wichtige ist, dass jeder einzelne Fall uns ganz besondere tiefe Einblicke in das komplexe Zusammenspiel von Wahrnehmung, Gedächtnis und Kognition liefert – in das Wunderwerk unserer kognitiven Architektur.

 

[1]     Zuerst erwähnt in: H. Munk, Ueber die Functionen der Grosshirnrinde. Gesammelte Mittheilungen aus den Jahren 1877–80, Berlin 1881. 1891 führte S. Freud dafür den Begriff der visuellen Agnosie ein, der heute gebräuchlich ist.

[2]     H. Lissauer, Ein Fall von Seelenblindheit nebst einem Beitrag zur Theorie derselben. Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten, 21. Bd., S. 222–270.

[3]     O. Sacks, R. Wasserman, „The Case of the Colorblind Painter“, in: The New York Review of Books 34, 19. Nov. 1987, S. 25–33.

[4]     E. Capitani, M. Laiacona, B. Mahon, A. Caramazza, „What are the facts of semantic category-specific deficits? A critical review of the clinical evidence“, in: Cognitive Neuropsychology 20, 2003, S. 213–261.

[5]     G. Sartori, R. Job, „The oyster with four legs: a neuropsychological study on the interaction of visual and semantic information“, in: Cognitive Neuropsychology 5, 1988, S. 105–132.

[6]     E. K. Warrington, „The Selective Impairment of Semantic Memory“, in: Quarterly Journal of Experimental Psychology 27, 1975, S. 635–657.

[7]     Für eine schöne Beschreibung der Prosopagnosie aus Sicht eines Betroffenen siehe O. Sacks, Das innere Auge – Neue Fallgeschichten, Reinbek 2011.

[8]     Diese Variante führt dazu, dass Betroffene sich leicht verirren; vgl. G. K. Aguirre, „Topographical Disorientation: A Disorder of Way-finding Ability“, in: Neurological Foundations of Cognitive Neuroscience, hg. v. M. D’Esposito. Cambridge, MA, 2003.

[9]     M. Dennis, „Dissociated naming and locating of body parts after left anterior temporal lobe resection: An experimental case study“, in: Brain and Language 3, 1976, S. 147–163. Siehe auch C. Sacchett, G. W. Humphreys, „Calling a squirrel a squirrel but a canoe a wigwam: A category-specific deficit for artifactual objects and body parts“, in: Cognitive Neuropsychology 9, 1992, S. 73–86.

[10]    A. Yamadori, M. L. Albert, „Word category aphasia“, in: Cortex 9, 1973, S. 83–89.

[11]    A. Caramazza, J. R.  Shelton, „Domain-specific knowledge systems in the brain: The animate-inanimate distinction“, in: Journal of Cognitive Neuroscience 10, 1988, S. 1–34.

[12]    J. Hart, R. S. Berndt, A. C. Caramazza, „Category-specific naming deficit following cerebral infarction“, in: Nature 316, 1985, S. 439–440.

[13]    A. Sirigu, J.-R. Duhamel, M. Poncet, „The role of sensorimotor experience in object recognition. A case of multimodal agnosia“, in: Brain 114, 1991, S. 2555–2573 (die beiden im Fließtext folgenden Zitate finden sich auf S. 2555 und S. 2556).

[14]    M. J. Farah, J. L. McClelland, „A computational model of semantic memory impairment: Modality-specific and emergent category specificity“, in: Journal of Experimental Psychology: General 120, 1991, S. 339–357.

[15]    I. Gauthier, M. J. Tarr, „Unraveling mechanisms for expert object recognition: bridging brain activity and behavior“, in: Journal for Experimental Psychology: Human Perception and Performance 28, 2000, S. 431–446.

[16]    I. Biran, M. D. Coslet, M.D, „Visual Agnosia“, in: Current Neurology and Neuroscience Reports 3, 2003, S. 508–512.