JAK OF ALL TRADES – ZUM VERHÄLTNIS VON DREHBUCH, REQUISITEN UND KULISSEN IN DEM FILM SOUL BLINDNESS DES ATELIERJAK

 

Sven Beckstette

Kurator, Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, Berlin

 

 

Vor dem Dreh kommt das Buch lautet der Titel eines Lehrbuchs zum Drehbuchschreiben. Es beginnt mit einem Zitat von Alfred Hitchcock. Auf die Frage, was die Voraussetzungen eines guten Films seien, antwortete der britisch-amerikanische Thriller-Regisseur: „Es gibt drei Voraussetzungen: 1. Ein gutes Drehbuch. 2. Ein gutes Drehbuch. 3. Ein gutes Drehbuch.“ [1] Diese Antwort ist insofern bemerkenswert, weil Hitchcock zwar an seinen Drehbüchern selbst mitgeschrieben hat, er aber ebenso stark auf ein anderes Hilfsmittel zur Filmproduktion setzte: das Storyboard. Tatsächlich gilt Hitchcock als Regisseur, der seine Filme vor Produktionsbeginn minutiös am Storyboard entwarf, weshalb er auch behaupten durfte, seine Filme seien schon vollendet, ehe überhaupt ein Kameramann oder Cutter tätig geworden ist. Angeblich musste er wegen seinen Vorarbeiten bei den Dreharbeiten auch kaum noch Anweisungen geben.

 

Das Herstellen von Kinofilmen ist ein langer, aufwendiger und teurer Vorgang, an dem viele Personen arbeitsteilig mitwirken. Drehbuch und Storyboard sind zwei Werkzeuge, die die Grundlage der Filmproduktion bilden, um den Ablauf zu optimieren und im Budgetrahmen zu bleiben. Während das Drehbuch die Handlung des Films strukturiert, organisiert das Storyboard auf der Basis des Scripts die Einstellungen und Sequenzen. Es bietet einem Regisseur / einer Regisseurin die Möglichkeit, seinen / ihren Film im Vorfeld zu visualisieren, wobei sich natürlich während der Dreharbeiten immer noch Änderungen ergeben können. Da Drehbuchschreiber / innen meist im Hintergrund blieben und bleiben, wurde ihre Bedeutung für die Stilistik eines Films lange vernachlässigt. Immerhin wird inzwischen der Anteil von Persönlichkeiten wie Thea von Harbou (Metropolis) und Ben Hecht (Vom Winde verweht) und anderen an den von ihnen bearbeiteten Stoffen gewürdigt. Noch später schlug die Stunde der Zeichner / innen von Storyboards, deren Arbeit erst seit einigen Jahren mit ins Zentrum des wissenschaftlichen und öffentlichen Interesses gerückt ist. [2]

 

Storyboards sind so vielfältig wie die Stile und Herangehensweisen ihrer Schöpfer / innen oder die Ansprüche im Produktionsprozess. Für Drehbücher gilt das für die persönliche Schreibart und die Dialogfertigkeit ihrer Autor / innen natürlich auch. Gestalterisch gibt es für Hollywoodscripts eine Vorgabe: Der Text muss in Courier Schriftgröße 12 verfasst sein, eine Normierung, derzufolge einer Seite Text eine Minute Film entspricht. Außerdem wird der Dialog meist durch einen größeren Einzug von den Regieanweisungen abgehoben.

 

Für das Künstlerduo des atelierJAK steht das Drehbuch nicht am Anfang eines Films, sondern die Scriptseiten entstehen sukzessive – einzeln oder blockweise – vor oder auch während der Dreharbeiten. Und damit nicht genug: Die Drehbuchkapitel (ent)stehen im Kontext einer ebenfalls parallel dazu ablaufenden Ausstellungsvorbereitung, weshalb sich die unterschiedlichen Arbeitsschritte alle gegenseitig durchdringen und beeinflussen. Zwar geht es auch dem atelierJAK um die Herstellung eines Kinofilmes auf der Basis einer Synopsis und eines linear entwickelten Scripts – das ist dann aber schon die einzige Gemeinsamkeit, die ihre Arbeitsweise mit der üblichen kommerziellen Produktion eines Filmes aufweist. Entsprechend würde auch das gänzlich unwirtschaftliche Drehkonzept von Soul Blindness, so der Titel des Films, wohl jeden Hollywoodproduzenten zur Verzweiflung bringen.

 

Im Zentrum des künstlerischen Schaffens des atelierJAK steht der Charakter JAK. JAK leidet an einer besonderen neurologischen Störung: der optischen Agnosie oder Seelenblindheit. Bei dieser Schädigung im Gehirn können erkrankte Person zwar Gegenstände oder Gesichter sehen, sie erkennen diese allerdings nicht und können sie auch nicht benennen. Die Folgen, die die Krankheit auf JAK und sein Umfeld hat, wird mit einer Vielfalt an künstlerischen Mitteln erzählt, die Bilder und Bücher, Skulpturen und Objekte, Modelle und Installationen umfassen. Verknüpft sind diese Werke jedoch nicht allein mit der Figur JAK, sondern sie sind zugleich Marksteine auf dem Weg zur Realisierung eines Films über JAK. Daraus ergibt sich eine Situation, die ebenso paradox ist wie die Agnosie selbst: Der Film scheint eigentlich das Ziel und Endpunkt des atelierJAK zu sein, weil alle künstlerischen Hervorbringungen mit ihm und seiner Handlung in Verbindung stehen. Allerdings nehmen die Einzelwerke in einer Ausstellung wie etwa in der Villa Merkel so viel Raum ein, dass der tatsächliche Film fast schon zum Nebenschauplatz, zur bloßen Fußnote degradiert scheint. Damit wird eine Umwertung hinsichtlich der üblichen Filmproduktion vollzogen, bei der zwar ebenfalls viele Gegenstände eigens hergestellt, nach Drehende aber wieder vernichtet werden. Dies alles sind jedoch beileibe nicht die einzigen Paradoxien und Widersprüchlichkeiten, in die sich JAK und seine Schöpfer permanent verstricken. – Aber der Reihe nach.

 

Die künstlerische Herangehensweise des atelierJAK ist ein fließender Prozess zwischen verschiedenen Ausdrucksmitteln: Skizzenhafte Zeichnungen und Notationen in Büchern halten erste Ideen für Soul Blindness fest, die dann in das sich stetig entwickelnde Drehbuch einfließen können. Das Drehbuch liefert allerdings nicht nur die narrative Grundlage für den Film, sondern seine Texte werden zudem als Kunstwerke aufbereitet: So finden sich Auszüge aus dem Script in der monumentalen Wandarbeit Soul Blindness #3 (2014) wieder. Und auch in Gemälden und Videos kann das Drehbuch aufgehen wie beispielsweise in der nach ihrer Szenennummer S#13 (2017) benannten Animation.

 

Für die bildliche Umsetzungen des Drehbuchs hat das atelierJAK eine eigene Schrift entwickelt, die wie eine Norm auch die Grundlage für andere Werke bildet. Im Unterschied zur in Hollywood verwandten Courier geht es dabei jedoch nicht um das Verhältnis von typografischer Größe zur Filmdauer, vielmehr ist die Gestaltung der Lettern inhaltlich motiviert: Die Buchstaben basieren auf einem Raster, dessen Segmente 7,6 mal 2,6 cm messen. Diese Größe orientiert sich an dem Maß von Objektträgern eines Mikroskops. Die Wahl dieses Formats korrespondiert mit dem Vorsatz, den klinischen Fall JAK und seine Geschichte wie unter einem Vergrößerungsglas nahezu naturwissenschaftlich zu beobachten.

 

Vergleicht man die bildnerischen Übertragungen des Drehbuchs miteinander, fällt auf, dass es um alles andere als um Lesbarkeit geht: In einem Fall waren die Wörter so über die Wände verteilt, dass der Betrachter / die Betrachterin ihren Gehalt nur mit Mühe komplett nachvollziehen konnten. Bei den Gemälden ihrerseits sind die Sätze einer Szene wieder und wieder übermalt worden, sodass am Ende die Struktur des Rasters deutlicher als der Inhalt der Texte hervortritt. Allein einzelne Begriffe ragen aus der geometrisch angelegten Oberfläche hervor. Der Malvorgang dieser Bilder wird in seiner Zeitlichkeit wiederum in der Animation vorgeführt: Auf einem grünen Untergrund erscheinen nacheinander die einzelnen Wörter, bis sie sich am Ende zur Unlesbarkeit überlagern.

 

Die Rasterstruktur bildet ebenfalls die Grundlage für kleine Objekte aus Epoxidharz, die wie freischwebende Bausteine zu den Installationen der Werkgruppe Indescribable scene (2017) zusammengefügt sind. In ihnen wird das Format von 7,6 mal 2,6 cm in die dritte Dimension erweitert. Sie zeigen miniaturhafte Entwürfe für einzelne Szenen. Da sie parallel zum Drehbuch entstehen, changieren sie irgendwo zwischen einer Visualisierungshilfe für das Setting und Vorbereitungen zu einem Storyboard.

 

Nicht nur das Drehbuch des Films wird zum Ausgangspunkt für bildkünstlerische Interpretationen, auch die Requisiten und die Kulissen von Soul Blindness werden zu eigenständigen Arbeiten. Da gibt es zum einen echte Props wie das Lichtobjekt Blue Star (2017), das tatsächlich in dieser Form im Film zu sehen ist. Außerdem lassen sich hierzu eine Reihe von Objekten aus Stein und Porzellan von neutraler Farbigkeit zählen, die aussehen, als seien sie in einer Zentrifuge den Kräften großer Geschwindigkeit ausgesetzt worden. In der Installation Cut To (2014) sind einige von ihnen auf dem Boden und den Wänden eines grünen Innenraums angeordnet – ein Hinweis auf einen Greenscreen-Einsatz im Film. In der Installation Tableau of woolly thoughts (2017) hingegen hängen sie von der Decke eines verdunkelten Raumes herab, in dem ebenfalls grünes Laserlicht eine immaterielle Zwischendecke markiert: Hier ist eine konkrete Szene des Films ins Dreidimensionale übertragen worden. Die abstrakten Skulpturen in diesen Bühnenbildern basieren auf Gegenständen, die in Soul Blindness eine Rolle spielen, allerdings so verfremdet wurden, dass ihre ursprüngliche Gestalt nicht mehr erkennbar ist. Übertragen in ihre jetzige Form, vermitteln sie dem Betrachter / der Betrachterin einen Eindruck seelenblinder Wahrnehmung: Man sieht sie, eindeutig erkennen und benennen lassen sie sich jedoch nicht.

 

Doch nicht nur im Umgang mit Drehbuch, Requisiten und Kulissen für ihren Film unterscheidet sich atelierJAK von einer üblichen Kinoproduktion. Auch die Herstellung des Films an sich ist eher unorthodox. So existiert zwar eine Synopsis, die in wenigen Sätzen die Geschichte von Soul Blindness im Ganzen darlegt. Die Handlung des Drehbuchs wird jedoch erst Szene für Szene weiterentwickelt, während der Dreh an den vorhandenen Scriptteilen bereits läuft oder schon abgeschlossen ist: atelierJAK hat sich dazu entschieden, die Sequenzen von Soul Blindness strikt nacheinander aufzunehmen und nicht bestimmte, im Handlungsablauf weit auseinanderliegende Szenen zu bündeln – wie es bei einer Filmproduktion sonst geläufig ist, etwa wenn sie am gleichen Set spielen. Diese Arbeitsweise führt dazu, dass der Film nicht kontinuierlich fertiggestellt wird, sondern zwischen dem Dreh zweier aufeinanderfolgender Szenen Monate liegen können. Dadurch mögen sie beispielsweise an unterschiedlichen Orten spielen, und es können verschiedene Darsteller / innen darin auftreten, je nachdem, wo die Aufnahmen gerade stattfinden. Diese für die Produktion eines Kinofilms äußerst unrationelle Arbeitsweise führt jedoch erneut dazu, dass die Betrachter / innen wie der Protagonist beständig mit neuen Schauplätzen und Figuren konfrontiert werden; sie wissen nicht, ob sie sie wiedererkennen oder nicht und wie diese Orte und Menschen letztlich in Beziehung zueinander stehen. Wie bei den abstrakten Skulpturen korrel-
liert diese Sichtweise erneut mit einer agnosiehaften Erfahrung.

 

Dieses Gefühl wird durch eine weitere konzeptuelle Entscheidung von atelierJAK noch gesteigert: Soul Blindness wurde im Vorhinein in 30 Abschnitte eingeteilt, die jeweils exakt drei Minuten dauern. Dadurch ergibt sich im Ganzen zwar ein Film in der Standardkinolänge von 90 Minuten; atelierJAk zeigt die einzelnen Sequenzen aber getrennt voneinander. Diese das Narrativ sprengende Setzung führt dazu, dass eine gedrehte Szene unter Umständen länger als drei Minuten dauert, sie aber dennoch genau nach 3 Minuten geschnitten wird und so urplötzlich abbricht. Die Handlung mag in der nächsten Episode weitergehen, doch fehlt ihr dann der (vorgängige) Kontext. Erneut erschwert sich also der Nachvollzug der Handlung und die Wiedererkennung des Umfelds für die Betrachter / innen.

 

Dem Planungsfetischisten Alfred Hitchcock wären in Anbetracht der Arbeitsweise von atelierJAK wohl die Haare zu Berge gestanden. Die Geschichte von JAK und ihre psychopathologische Ausrichtung hätten den Meister spannungsgeladener Filme wie Spellbound, Psycho und Vertigo allerdings sicherlich interessiert. Vielleicht wäre er nach einer tieferen Beschäftigung mit der Seelenblindheit zu dem Schluss gekommen, dass Herangehensweise und Umsetzung völlig dem Thema entsprechen: Erst durch den umständlichen Produktionsprozess von Soul Blindness und allen damit verbundenen Werken in Form von Gemälden, Skulpturen und Installationen entsteht eine visuelle Verunsicherung, die mit JAKs Sichtweise in eins fällt und die sich auf die Betrachter / innen überträgt. Und das ist am Ende vielleicht das größte Paradox: Mit jeder Episode von Soul Blindness wächst die Anzahl der angefertigten Kunstwerke weiter an. Die Schilderung der Agnosie, also des krankheitsbedingten Problems des Erkennens von Gegenständen, bringt ausgerechnet eine Fülle von dreidimensionalem Material hervor, bis am Ende vielleicht die seelenblinden Arbeiten von atelierJAK wie in der Geschichte von Soul Blindness überhandnehmen und die Wirklichkeit zu dominieren beginnen. Aber bevor hier zu viel verraten wird, sei hier lieber auf das Prinzip jedes erfolgreichen Hollywoodblockbusters verwiesen: To Be Continued …

 

 

 

[1]     Michael Schneider, Vor dem Dreh kommt das Buch. Die hohe Schule des filmischen Erzählens, Konstanz 2007, S. 9.

[2]     Katharina Henkel, Kristina Jaspers und Peter Mänz (Hrsg.), Zwischen Film und Kunst, Storyboards von Hitchcock bis Spielberg, Ausst.-Kat. Kunsthalle Emden und Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen, Berlin, Emden und Berlin 2011; Chris Pallant und Steven Price, Storyboarding, A Critical History, Hamphshire 2015; Anna Häusler und Jan Henschen (Hrsg.), Storyboarding. Filmisches Entwerfen, Marburg 2017.